Das Stadion ist ein beliebter Rekrutierungsort von Rechtsextremen. Doch es gibt Strategien gegen deren Vereinnahmungsversuche. Die wurden auf einer Tagung im Kölner Stadion diskutiert.
Von Marie Gogoll, 2. Oktober 2026
Hitlergruß im Gästeblock, die Androhung massenhafter Abschiebungen durch Fangesänge, Hakenkreuzsticker auf den Stadiontoiletten – dass Fußballfans rechtsextremes Gedankengut äußern oder offen dafür sind, ist kein neues Phönomen. Das meint auch Peter Farhangian vom Kölner Fanprojekt. „Aber ich glaube, dass es durch den Rechtsruck in der Gesellschaft heute offener ausgelebt wird.“
Mit solchen Aktionen auf den Tribünen waren in den vergangenen Monaten unter anderem auch Fans von Rot-Weiß-Essen aufgefallen. ARD-Recherchen hatten sogar Verbindungen in die organisierte rechtsextreme Szene aufgezeigt. Die Lage ist also ernst.
Das Kölner Fanprojekt möchte solchen Entwicklungen entgegentreten. Deshalb kamen Kolleginnen und Kollegen aus Jugendarbeit und Fanprojekten aus ganz NRW diese Woche im Kölner Stadion zusammen, um über den Umgang mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen zu sprechen. Die zentrale Frage dabei: Was können Sozialarbeitende in der Fanarbeit tun, bevor es zu spät ist?
Verfassungsschutz beobachtet Zunahme
Bei dem Treffen wurde deutlich: Viele merken in ihrer Arbeit, dass rechtes Gedankengut unter Jugendlichen zunimmt.
Auch der Verfassungschutz NRW beobachten diesen Trend: 2025 ordnete er 4.446 Personen dem rechstextremen Spektrum zu, 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Anzahl an Straftaten stieg um 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Tatverdächtigen zwischen 14 und 17 Jahren nahm ebenfalls zu: Waren es 2023 noch 100 Personen, zählte der Verfassungsschutz NRW im vergangenen Jahr 299 Personen.
Das Stadion als Rekrutierungsort
Das Kölner Fanprojekt hatte auch einen Experten für Rechtsextremismusbekämpfung eingeladen. Der möchte seinen Namen aufgrund der Bedrohungslage durch die gewaltbereite Szene nicht öffentlich nennen. Er betont, dass die Dunkelziffer an Aktivitäten im rechtsextremen Milieu über den Zahlen des Verfassungsschutzes liegen dürfte. Viele Jugendliche kommen demnach über die sozialen Medien in Kontakt mit rechtsextremem Gedankengut.
Doch auch das Stadion sei ein beliebter Ort, an dem Rechtsextreme gezielt versuchten, Jugendliche zu rekrutieren. „Der Fußball bietet dafür gute Voraussetzungen“, so der Referent. Die Kurve sei ein emotionaler Ort, vermittle ein Kollektivgefühl und eine „Wir-gegen-die“-Mentalität. Außerdem kämen hier Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammen.
Die Person annehmen, die Position nicht
Der Referent betont, wie wichtig genau deshalb die Arbeit der Fanprojekte sei. „Sie leisten Präventionsarbeit an einr Schnittstelle zu Jugendlichen, die sonst kaum eine staatliche oder zivilgesellschaftliche Stelle erreicht. Wenn Fanprojekte demokratische Werte und Zivilcourage vermitteln, können sie verhindern, dass ganze Jugendkulturen ins rechtsextreme Milieu abgleiten.“
Wichtig sei, das Gespräch mit Jugendlichen zu suchen, die sich offen für rechtsextremes Gedankengut zeigen. Dabei sollten die Sozialarbeitenden nicht belehrend auftreten, sondern in erster Linie Fragen stellen. Dabei gelte: Die Person annehmen, die Position nicht.
Fragen wie „Was genau meinst du damit?“ oder „Wie passt das dazu, dass du Spieler, die nicht aus Deutschland kommen, in der Mannschaft feierst?“ könnten helfen, Ambivalenzen zu stärken, die die Jugendlichen selbst in sich tragen. Der Experte glaubt, dass das dazu führen kann, dass die Jugendlichen selbst an rechtsextremen Narrativen zweifeln.
Wenn jugendliche Fans allerdings bereits Kontakte in die rechtsextreme Szene haben, sollten sich Sozailarbeitende an externe Fachstellen wenden, empfiehlt der Referent. So eine Stelle ist zum Beispiel die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen. Dort arbeitet Dominik Schumacher.
Gefahrenlage einschätzen
„Wenn ein Fanprojekt auf uns zukommt, machen wir zunächst eine Problemanalyse.“ Die Mobile Beratung kennt rechtsextreme Strukturen in NRW und kann helfen, die Gefahrenlage einzuschätzen. „Dann erforschen wir gemeinsam, welche Handlungsschritte jetzt folgen müssen“, so Schumacher. Unter Umständen unterstützt die Beratunsgstelle einen solchen Prozess über Jahre.
Auch Schumacher betont, wie wichtig die Fanprojekte in diesem Kontext seien, denn sie würden die Schnittstelle zwischen Verein und Fans bilden. Doch auch das Verhalten des Vereins sei entscheidend, so Schumacher.
„Der Verein legt die Rahmenbedingungen fest. Das Wichtigste ist, dass er rechtsextreme Fans in den eigenen Reihen überhaupt erst einmal als Problem anerkennt.“ Immer wieder würden Vereine das Thema lieber unter den Teppich kehren, weil sie Angst vor einen schlechten Ruf hätten. Stattdessen sollte ein Verein jedoch Fan-Initiativen, die sich aktiv gegen Rechstextremismus in der Kurve engagieren, fördern und unterstützen, so Schumacher.
Verantwortung der Vereine
Wichtig sei außerdem, Ordnerinnen und Ordner zu schulen, damit diese rechtsextreme Symbole erkennen und den Zugang zum Stadion entsprechend verweigern könnten. Schon bei der Einstellung müssten die Vereine wachsam sein. „Ich erinnere mich an Schulungen für Ordner, die ich selbst gegeben habe, bei denen Teilnehmer in Naziklamotten saßen“, so Schumacher. Die Wirkung der Ordnerinnen und Ordner in die Kurve hinein, sei nicht zu unterschätzen.
Auch Werbung und Fanartikel könnten einen großen Effekt haben, meint Schumacher. „Wenn die Fan-Identität zum Beispiel besagt: Ich bin antirassistisch, weil ich Borusse bin, dann ist das auf einer Massenebene wahnsinnig wirksam.“ Auf dieser Ebene ist also der Verein gefragt. Im direkten Vier-Augen-Gespräch auf der Busfahrt zum Auswärtsspiel, kommt es auf die Sozialarbeitenden der Fanprojekte an.
Unsere Quellen:
- Besuch Fachtag „Haltung zeigen, im Spiel bleiben“ Umgang mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen
- Gespräch mit Dominik Schumacher von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen
- Verfassungsschutzbericht NRW 2026
Sendung: WDR.de, „Fußball – So können Vereine gegen rechtsextreme Strukturen in der Kurve vorgehen“, 02.10.2026, 16.28 Uhr
Quelle: https://www1.wdr.de/sport/fussball/fachtag-umgang-rechtsoffene-jugendliche-im-stadion-100.html














