24.01.18

DEICHSTUBE: Fanforscher Jonas Gabler im Interview - „Das ist gerade eine spannende Zeit“


„Quo vadis ultrà? – In welche Zukunft blickt die Ultrakultur?“. Ob es auf diese Frage eine Antwort gibt, darüber wird am Mittwochabend bei einer Veranstaltung aus der Reihe „Gemeinsam für Toleranz und Integration“ diskutiert.

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Gabler: In Deutschland gab es vor zwanzig, dreißig Jahren ein massives Gewaltproblem mit Hooligans, aber auch mit Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung. Dieses Problem gibt es heute in Bremen nur noch sehr wenig, daran hat auch die Ultraszene ihren Anteil. Mir ist der Blick von Seiten der Institutionen oft zu problemorientiert. Die Ultraszene wurde in der Vergangenheit und auch heute weniger als eine Bereicherung der Fankultur gesehen, sondern sie wird oft als problematische, tendenziell kriminelle Gruppe dargestellt. Obwohl es auch Probleme mit Pyrotechnik, körperliche Auseinandersetzungen und Zusammenstöße mit der Polizei gibt, gab es aber auch sehr vernünftige Vorstöße von Seiten der Ultraszene.

 

Können Sie welche aufzählen?

Die Ultrakultur war – und ist bis heute – in fan-politischen Dingen sehr engagiert. Das heißt, man hat mit demokratischen Mitteln z.B. im Rahmen von Dialogen versucht, die Rahmenbedingungen für Fankultur zu verbessern. Dazu gehören faire Ticketpreise, einheitliche und nachvollziehbare Bestimmungen zur Genehmigung von Fanmaterialien oder einfach nur von Verbänden und Vereinen ernst und wahrgenommen zu werden. Ein Vorstoß der für großes Aufsehen und viele Diskussionen gesorgt hat war die Debatte darum, ob eine Möglichkeit besteht, Pyrotechnik im Stadion legal abbrennen zu können. Das waren durchaus keine unrealistischen, sondern fundierte Ansätze, in die Juristen, Polizei, Ordnungsämter, Feuerwehren etc. involviert waren. Diese Gespräche mit den Verbänden wurden dann aber 2011 auch unter dem Druck der Politik für beendet erklärt und – viel schlimmer – die Forderungen als realitätsfern und hanebüchen abgetan. Das entspricht einfach nicht dem Verlauf, wie diese Gespräche damals geführt wurden.

 

Was passierte dann?

Es folgte gewissermaßen eine Trotzreaktion. Es wurde gewissermaßen aus Protest weiter und noch mehr Pyrotechnik gezündet. Dadurch entstand eine Sicherheitsdebatte, die auch medial ausgetragen wurde. Die üblichen Talkshows nahmen sich dem Thema an und glänzten nicht gerade durch Differenzierung. Meine These ist, dass die damals medial transportierten Bilder von „brennenden Kurven“ der nachrückenden Generation von Ultras ein Bild von Ultras vermittelt hat, dass vor allem durch Action und Randale geprägt war. Diese jungen Ultras schlossen sich genau mit dieser Erwartung den Ultragruppen an.

Viele Stimmen, die sich damals eher als fan-politische Strömung verstanden haben, denen es um Fan-Rechte, Gestaltungsmöglichkeiten von Fan-Kultur und Dialog mit den Vereinen und Verbänden ging, haben ihre Argumente für einen Weg des Dialoges verloren. Ihnen wurde stattdessen vorgeworfen, nichts erreicht zu haben, sondern es eher noch schlimmer gemacht zu haben.

 

Welche Rolle spielen die Fans denn heute überhaupt noch?

Es ist ein Fakt, dass die Zuschauer, insbesondere die Fans auf den Stehplätzen finanziell überhaupt keine Rolle mehr spielen. Alle möglichen Einnahmen, wie die durch Fernsehrechte, Sponsoring, Merchandising etc. sind wichtiger als die Zuschauereinnahmen geworden. Der Fan fühlt sich dadurch entwertet.

 

Es gibt Idealisten – gerade in der Ultraszene –, die das nicht mehr mitmachen wollen. Beobachten Sie einen Rückzug von Gruppen aus den Stadien?

Das ist ein spannendes Thema. Ich glaube, dass das gerade bei Ultras aus einer älteren Generation schon passiert. Bei vielen hat eine gewisse Entfremdung stattgefunden und sie haben sich aus den Stadien zurückgezogen. Andere gehen den Weg, eigene Vereine zu gründen. Das gab es z.B. in Salzburg und Leipzig, aber auch beim HSV haben sich einige Ultras an der Gründung eines eigenen Vereins beteiligt, als die Profifußballabteilung in eine AG ausgegliedert wurde.

Auf der anderen Seite wird es auch immer eine junge Generation geben, die nachwächst und für die die heutige Entwicklung normal ist. Die haben eine ganz andere Identifikation mit ihrem Club, als es bei Gruppierungen vor vielen Jahren noch der Fall war. (...)

 

Zum vollständigen Interview: https://www.deichstube.de/fan-stube/interview-fanforscher-jonas-gabler-ueber-frage-welche-zukunft-blickt-ultrakultur-9552803.html


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