29.03.18

11FREUNDE: Mit allen Mitteln - Wie die Polizei plötzlich gegen Fanprojekte in ganz Deutschland vorgeht


Abgehörte Telefone, Durchsuchungen, Observierungen – um verdächtige Anhänger zu überwachen, drangsaliert die Polizei neuerdings auch die Fanprojekte der Republik

Sebastian Kirschner erfuhr am Postkasten, dass er einmal in einer kriminellen Vereinigung aktiv war. So lautete zumindest der Verdacht der Staatsanwaltschaft. Am 1. November 2016 öffnete Kirschner den Brief der Behörde und war entsetzt. Er las darin, dass die Ermittlungen gegen ihn, von denen er nichts gewusst hatte, eingestellt worden seien. In einem weiteren Brief einige Tage später stand, dass die Polizei zweieinhalb Jahre zuvor seine gesamte Telekommunikation überwacht und aufgezeichnet hatte. Von seinem Festnetztelefon und seinem Handy.

Genau das klingelte wenig später pausenlos. Eltern, Verwandte und Freunde hatten nämlich ebenfalls per Post mitgeteilt bekommen, dass ihre Gespräche mit Kirschner mitgeschnitten worden waren. Sie waren sogenannte »Drittbetroffene« und fragten beunruhigt: Was ist da los? Kirschner konnte das Ganze nicht erklären, ahnte aber, dass es mit seinem Job zu tun haben könnte: Er arbeitet im Fanprojekt des heutigen Viertligisten Chemie Leipzig. Doch deswegen eine Telefonüberwachung?

Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen

Die sächsische Staatsanwaltschaft hatte im Jahr 2013 begonnen, gegen 14 Beschuldigte wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung zu ermitteln. Sie wurden der linken Szene zugeordnet und verdächtigt, gezielt Personen mit rechter Gesinnung in Leipzig zu attackieren. Die Fanszene von Chemie Leipzig gilt als linksalternativ, mit einzelnen Verbindungen zur autonomen Szene. Nur die Hälfte der Beschuldigten hatte wirklich etwas mit Fußball zu tun, sagen Kenner der Fanszene.

Drei Jahre lief die Ermittlung, die Polizei überwachte nicht nur Telefone, einen Teil der Verdächtigen observierte sie auch. Der Aufwand war massiv: Insgesamt wurden über 50 000 Verkehrsdatensätze erhoben, sprich Informationen über Textnachrichten und Anrufe. Die Protokolle füllen 41 Aktenbände. Das Ergebnis allerdings fiel dünn aus; im Oktober 2016 wurde das Verfahren »mangels hinreichenden Tatverdachts« eingestellt, teilte das sächsische Justizministerium einen Monat später knapp mit.

Kirschner wirkt nicht gerade wie eine zwielichtige Gestalt aus einer kriminellen Vereinigung. Er spricht bedächtig, kein Mann für große Gesten, trägt grünen Kapuzenpullover und Dreitagebart. »Ich hätte auch nicht für möglich gehalten, mit 41 Jahren von der Polizei überwacht zu werden«, sagt er. Die anderen Beschuldigten waren eher im Studentenalter. Warum nahmen die Ermittler ausgerechnet ihn ins Visier? Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden erklärt es auf Nachfrage mit dem »Verdacht der Begehung von Straftaten«. Doch sie habe Kirschner eben nicht verdächtigt, an Schlägereien oder Attacken teilgenommen zu haben. Kurz: Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. (...)

Zum vollständigen Artikel: https://www.11freunde.de/artikel/wie-die-polizei-ploetzlich-gegen-fanprojekte-ganz-deutschland-vorgeht


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